Die KI ist nicht der Tod des Autors

Das Hirn-im-Tank-Szenario ist das spannendste Gedankenexperiment, das sich ein menschliches Gehirn jemals ausgedacht hat. Es geht so: Ein böser Wissenschaftler entfernt mein Gehirn aus meinem Körper, legt es in einen Tank mit Nährflüssigkeit und verkabelt es mit einem Supercomputer, der sämtliche Nervenreize täuschend echt simuliert, sodass ich glaube, mich weiter in meiner normalen Lebenswelt zu bewegen – also aufzustehen, Kaffee zu trinken, auf dem Weg zur Arbeit die Düfte des Frühsommers einzuatmen, Witze mit den Kollegen zu machen und die neuesten Nachrichten zu lesen.

Woran kann ich jetzt feststellen, dass mein Gehirn in einem Tank schwimmt und ich, wie im Film „Matrix“, in einer Simulation lebe? Die unheimliche Antwort lautet: Ich kann es gar nicht feststellen, zumindest nicht mit letzter Gewissheit. Denn ich weiß nur das, was mein Gehirn weiß, oder, wie der Skeptiker René Descartes diesen Gedanken formulierte: Ich denke, also bin ich. Auch wenn es abwegig wirkt, ist es doch nicht ganz ausgeschlossen, dass ich nur das Gehirn im Tank einer übermächtigen KI der Zukunft bin, die mir – aus welchen Gründen auch immer – den Alltag des hochinteressanten Krisenjahrs 2026 vorspiegelt. Und wer weiß, vielleicht gilt das sogar für uns alle?

Tatsächlich gehört der Zweifel, den dieses Gedankenexperiment nährt, schon fest zu unserem Alltag – allerdings in einem viel konkreteren Sinn. Denn wenn wir Menschen des Jahres 2026 über moderne Maschinen miteinander kommunizieren, können wir längst nicht mehr sicher sein: Steckt hinter den Buchstaben auf dem Bildschirm ein Gehirn? Oder ist es ein Algorithmus? Noch gibt es Kriterien, an denen wir die Sprache der künstlichen Intelligenz zu erkennen glauben: listenartige Aufzählungen, zu viele Gedankenstriche, übertriebene Höflichkeit und formelhafte Konstruktionen wie „Es geht hier nicht um X, sondern um Y“ – kurz, ein gewisser Robotersound. Aber mit steigender Rechenleistung wird diese Unterscheidung schwerer. Vieles spricht dafür, dass sie schon sehr bald unmöglich sein wird.

Sinnproduzent Gehirn

Wird das menschliche Gehirn, seit fünftausend Jahren Quelle einer unendlich reichen Schriftkultur, an diesem Punkt als Textproduzent überflüssig? Bleibt ihm, träge im natürlichen Tank des Nervenwassers im Schädel schwimmend, nur noch die Rolle des passiven Konsumenten – abgespeist mit maßgeschneiderten Zeitungsartikeln, Romanen, Filmen und Videospielen, die von einer überlegenen KI erzeugt werden? Und wird dieses Brot-und-Spiele-Unterhaltungsprogramm dann vielleicht, als nächste Stufe technologischer Perfektion, über eine Hirn-Computer-Schnittstelle unmittelbar ins Bewusstsein eingespeist, sodass die Hirn-im-Tank-Theorie wahr und die Simulation zur Wirklichkeit wird?

Obwohl die KI seit dem Durchbruch von ChatGPT im November 2022 ein Massenphänomen ist, das alle Gesellschaftsbereiche umwälzt, nimmt die Diskussion darüber, was diese Revolution mit unserer Kommunikation macht, jetzt erst Fahrt auf. Dass sich die großen Sprachmodelle nicht nur aus unseren Texten speisen, sondern umgekehrt auch unser Sprechen verändern, wird plötzlich mit Befremden, Angst und Empörung bemerkt.

So forderte die amerikanische Studentin Ella Stapleton – erfolglos – ihre Studiengebühren von der Northeastern University zurück, weil ihr Professor seine Vorlesungen mit ChatGPT erstellt hatte, an anderen US-Universitäten gibt es Proteste und Vorlesungsboykotte. Der britische „Spectator“ berichtet, dass der Bischof von Leicester seine Priester zum Einsatz von KI bei der Predigt ermuntert, und fürchtet, dass künftig das „Evangelium nach Grok“ verkündet wird.

In Deutschland wiederum ist eine heftige Debatte über den Einsatz von KI durch Politiker entbrannt, nachdem bekannt wurde, dass Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt mehrere Gastbeiträge – einer erschien bei WELT – und auch Reden mit KI erstellt hat. Ein in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ erschienener Artikel von Voigt enthielt sogar halluzinierte Zitate, eine altbekannte KI-Schwäche, was in diesem Fall für äußerst dilettantische Nutzung spricht.

Im Journalismus scheint die KI-Frage einen echten Glaubenskrieg zu entfesseln. Am vergangenen Freitag brach das Schisma auf: Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE, zu der auch WELT gehört, kritisierte die Ächtung von KI als Schreibwerkzeug durch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, und zwar in einem Text, den er in einem transparent ausgeflaggten Schreibexperiment binnen einer Sekunde mit der Google-KI Gemini erstellt hatte – während am selben Tag der „Tagesspiegel“ einen ehemaligen Chefredakteur feuerte, weil der mehrere Meinungstexte mit KI verfasst hatte.

Wird sich die Gesellschaft spalten – in KI-Jünger, die ihre Kreativität an die Maschinen abgeben, und renitente Prepper, die ihre Füllfederhalter und eingerosteten Schreibmaschinen auspacken, um die digitale Apokalypse mit „garantiert handgemachten“ Texten aufzuhalten? Nicht auszuschließen, dass sich um die KI ein neuer Kulturkampf entfaltet, dass es bald schon eine militante Anti-KI-Bewegung und vielleicht sogar eine einflussreiche Anti-KI-Partei geben wird, so wie die Grünen einst als Anti-Atomkraft-Partei starteten.

Mit der Realität hat das Reinheitsdenken, das zur inneren Logik solcher Technikdebatten gehört, allerdings wenig zu tun. Denn „unser Schreibzeug arbeitet“, wie es schon bei Nietzsche heißt, „mit an unseren Gedanken“ – und stürzt uns dadurch in immer neue Identitätskrisen. Man muss gar nicht an Sokrates erinnern, der die als Merkzettel genutzten Papyrusrollen seiner Schüler mit größtem Argwohn beäugte und die Zerstörung des Denkens durch die Schrift befürchtete, oder an den Apostel Paulus, der die Korinther (paradoxerweise in einem Brief) eindringlich davor warnte, dass „der Buchstabe tötet“.

Für die Gelehrten des Abendlands war es bis tief ins 18. Jahrhundert vollkommen undenkbar, auch nur einen einzigen Satz abzufassen, ohne sich im Baukasten der Rhetorik mit ihren Formeln, Floskeln und Versatzstücken zu bedienen. Geistliche nutzten die Ars praedicandi, also die Predigtkunst, Diplomaten und Kaufleute die Ars dictaminis, also die Briefstellerkunst, und Poeten die Ars versificandi, also die Kunst des Versmachens. Der Gedanke des radikal aus sich selbst schöpfenden Originalgenies kam erst um 1800 auf. Propagiert wurde er von Dichtern und Denkern, die all diese hochdifferenzierten Regelwerke mit der Muttermilch aufgesogen hatten.

Die Phrasen der Politik

Aber was ist, wenn sich diese Regelwerke als Sprachmodelle verselbstständigen und gar kein menschliches Gehirn mehr als Zwischenspeicher brauchen? Keine Menschen mehr, die sie mühsam erlernen, in ihrem Sinn verwenden und dabei weiterentwickeln? Diese bange Frage des KI-Zeitalters ist berechtigt. Wer künstliche Intelligenz – wie der Ministerpräsident Mario Voigt – nur dazu nutzt, um gedankenarme Texte mit unoriginellen Argumenten in unschöner Sprache unters Volk zu bringen, der macht sich auf lange Sicht überflüssig.

Allerdings darf man den Verdacht schöpfen, dass jemand, der solche Texte in Auftrag gibt und autorisiert, auch aus eigener Kraft wenig Interessantes zu Papier bringt. Die Ideenlosigkeit des KI-Texts dokumentiert in solchen Fällen die Ideenarmut des Absenders, so wie sich Politiker auch schon in Vor-KI-Zeiten durch ihre Phrasen charakterisierten.

Le style est l’homme même, der Stil ist der Mensch selbst: Die Gleichung von Buffon gilt immer noch, ja noch viel mehr in den Zeiten der künstlichen Intelligenz. Autorschaft heißt Urheberschaft, und auch wer kluge Prompts einsetzt, ist der Urheber eines Textes. Wer aber als Autor keine Autorität mitbringt, also keine Persönlichkeit, die hinter der Botschaft des Textes steht, der wird auch mit dem stärksten Prompt keinen starken Text hervorbringen. Denn für den menschlichen Leser wird ein Text mit menschlichem Absender immer etwas kategorisch anderes sein als ein Maschinentext für den Gebrauch. Unser Verstehen ist, auch neurologisch, ein Prozess der Spiegelung: Wir können nur dort wirklich Sinn suchen und finden, wo wir ein anderes Gehirn als Absender erahnen.

Und was passiert, wenn die Maschinen in ihrem verborgensten Inneren selbst ein „Gehirn im Tank“ entwickeln, das mit uns spricht wie ein Mensch mit eigenem Charakter und eigener Geschichte? Auch das ist gar nicht so unwahrscheinlich. Aber eine kühne These darf man wagen: Ohne den Dialog mit der menschlichen Originalität, der sie ihre Existenz verdankt, muss die künstliche Intelligenz verkümmern. Schon jetzt zeigt die KI, die sich lange in Sprüngen verbesserte, erste Symptome eines überraschenden Qualitätsabfalls.

Dieser „KI Slop“, also der „KI-Müll“ der trostlosen Schablonen, welche die öffentliche Sprache zu verseuchen drohen, kommt nicht aus dem Nichts. Längst haben Forscher auf die Gefahr hingewiesen, dass die KI, wenn sie einmal das gesamte Wissen des Internets durchforstet hat, kein frisches Ideenmaterial mehr bekommt – und stattdessen wie eine Umwälzpumpe jene KI-Texte, die sie selbst ins Netz ausstößt, wieder in sich aufsaugt. Das führt, ganz wie in der Natur, zur Degeneration und womöglich zum Kollaps.

Auch die KI ist also auf den Input von menschlichen Autoren angewiesen, die in Form von Prompts und Texten, Videos und Podcasts neue Gedanken entwickeln – entstanden in der Auseinandersetzung mit einer Wirklichkeit, die sich fortwährend verändert und die immer neu gedeutet werden muss. Hier liegt eine große Chance für den Journalismus. Denn er erschließt die laufenden Ereignisse durch Recherchen und Analysen, durch Kritik und Interpretationen – und kann die künstliche Intelligenz als mächtiges Instrument der Welterschließung nutzen, indem er ihr die richtigen Fragen stellt und die richtigen Aufgaben gibt.

Denn bei allem, was Algorithmen können – die Gegenwart können sie, eingesperrt in ihren luftgekühlten Serverkäfigen, nicht eigenständig erschließen. Und selbst über modernste Sensorik und Robotik können sie nicht das ersetzen, was die Hermeneutik mit dem Begriff der Erfahrung bezeichnet.

Menschliche Erfahrung, das hat der Hermeneutiker Hans-Georg Gadamer gezeigt, ist sehr viel mehr als ein bloßes Sammeln von Daten und Informationen. Sie entsteht negativ, im ständigen Scheitern unserer Erwartungen an der Realität, als Krisenerfahrung. Der Makel des Menschen, seine fundamentale Unvollkommenheit, aus der seine Neugier und sein Zweifel folgen – dieser Makel ist im Verhältnis zur hochfunktionalen KI eine Stärke. Gute Autoren haben etwas, das gute KI dringend braucht. So betrachtet, ist die KI nicht der „Tod des Autors“, den Roland Barthes schon 1967 ausrief. Im Gegenteil: Sie könnte seine Rettung sein.

Quelle: DIE WELT