Krim oder Donbass? Für die Ukraine beginnt ein Rennen gegen die Zeit

Russland kommt nicht zur Ruhe. In ihrem Abwehrkampf gegen die russische Aggression überzieht die Ukraine das Nachbarland mit gezielten Angriffen. In der Nacht zu Dienstag wurden in Moskau nach Darstellung von Bürgermeister Sergej Sobjanin etwa 60 ukrainische Drohnen abgeschossen. Eine habe ein Objekt auf dem Gelände einer Ölraffinerie getroffen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj veröffentlichte ein Video von Flammen über einer Raffinerie.

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Gebundener Wille

Die Frage bezüglich der menschlichen Willensfreiheit repräsentiert unbestritten eines der bedeutendsten und wichtigsten Probleme des menschlichen Denkens überhaupt. Die wertvollsten, idealsten Güter und die Bedingungen eines menschenwürdigen Daseins ruhen auf dem Begriff der Freiheit. Die Metaphysik, die Psychologie, die Ethik und die Rechtsphilosophie unternahmen zahlreiche Versuche, das Problem einer befriedigenden Lösung zuzuführen. Aber mit der Wichtigkeit des berührten Problems geht seine Schwierigkeit Hand in Hand. Oft gibt es wenig befriedigende, einander widersprechende Resultate der einschlägigen Untersuchungen des Problems.
Anders hier: Auf der Basis der philosophischen Darstellung des Problems von Gottlob Friedrich Lipps baut der Mathematiker Klaus-Dieter Sedlacek eine exakte naturwissenschaftliche Theorie auf, welche unter anderem die Libet-Experimente über die Willensfreiheit in neuem Licht erscheinen lassen. Am Ende steht eine plausible für alle befriedigende Aussage über das Wesen der Willensfreiheit und ob der Mensch tatsächlich einen freien Willen hat.

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Selenskyj lobte Kiews Geheimdienste für „ihre effektive Arbeit“; die Raffinerie auf Moskauer Stadtgebiet liege 500 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. „Russland muss gezwungen werden, den Krieg gegen unser Volk zu beenden“, sagte der Präsident, der heute am G-7-Gipfel im französischen Évian teilnimmt.

Die Ukraine erhöht den Druck auf Moskau, sich endlich zu bewegen. Bislang ohne Erfolg. Doch es gibt Anzeichen, dass die anhaltenden Angriffe die russische Elite nervös machen. Denn inzwischen lassen sich die Folgen des Angriffskriegs für das eigene Land nicht mehr verstecken.

Am Wochenende hatte Kiew die Taneco-Raffinerie in der autonomen Republik Tatarstan unter Beschuss genommen, mit rund 340.000 Barrel pro Tag eine der größten des Landes. Zudem traf es mindestens zwei petrochemische Unternehmen, eine Pumpstation sowie ein Exportterminal und ein strategisches Treibstofflager in der Oblast Jaroslawl.

In einem Internetvideo ist eine ukrainische Drohne vom Typ „Lyutyi“ zu sehen, die seelenruhig einen großen Bogen fliegt, bevor sie unter Maschinengewehrfeuer in die bereits brennende Anlage kracht. Die russische Regierung hatte dort in 60 Tanks Benzin, Diesel sowie Kerosin für Militär und Notfälle gelagert.

Seit Sommer letzten Jahres haben die ukrainischen Streitkräfte für unbemannte Systeme (SBS) die Frequenz ihrer Angriffe auf die russische Ölinfrastruktur kontinuierlich erhöht. Aus sporadischen Attacken entwickelten sich systematische Wellen mit Hunderten Langstreckendrohnen. Im März wurde die Kampagne dann noch einmal hochgefahren.

Was Anfang des Jahres kaum einer für möglich gehalten hätte: Inzwischen zeigen die Angriffe selbst beim weltweit zweitgrößten Ölproduzenten Wirkung. Russland steht vor einer Treibstoffkrise. Sogar in großen Städten wie Moskau und Sankt Petersburg wird die Abgabe inzwischen auf 20 Liter pro Fahrzeug beschränkt.

Präsident Wladimir Putin hatte zuletzt zwar Probleme eingestanden, jedoch gleichzeitig von Fortschritten an der Front und der Unvermeidbarkeit eines Siegs fabuliert. Unter russischen Militärbloggern und Influencern, aber auch im politischen Raum steigt angesichts solcher Aussagen der Unmut.

Der kommunistische Abgeordnete Wjatscheslaw Markhaev prophezeite gar eine „soziale Explosion“. Auf Telegram beklagte der Politiker die zunehmenden Kriegsverluste, Korruption in den Führungsetagen und eine enorme wirtschaftliche Belastung.

Der Krieg, der für viele Russen bislang weit weg war, ist nun vielerorts sichtbar: steigende Preise, leere Regale und Rauchsäulen über Städten und Fabriken. Besonders auf der völkerrechtswidrig besetzten Halbinsel Krim spitzt sich die Lage zu – ein Fakt, der Russlands gesamte strategische Zielsetzung in diesem Krieg gefährden könnte.

Seit April greift die Ukraine mit Mittelstreckendrohnen die besetzten Gebiete im Süden des Landes an. Die unbemannten Systeme haben eine Reichweite von bis zu 200 Kilometern und können die russische Logistik weit hinter der Front stören – Gebiete, die bisher als sichere Rückzugszone galten.

In einem ersten Schritt haben ukrainische Drohnenpiloten die Landbrücke vom russischen Festland auf die Krim gewissermaßen gekappt. Die Verbindungsrouten auf die Halbinsel haben sich in „Straßen des Todes“ verwandelt, Hunderte ausgebrannte Lastwagen säumen den Straßenrand. Beliebte Ziele waren Tanklastzüge. Mittlerweile gibt es auf der Krim nahezu kein Benzin mehr.

Als zweite Maßnahme hat die Ukraine die Brücken zerstört, die auf die Krim führen. Die russische Armee baute als Ersatz eine Pontonbrücke, die jedoch umgehend von ukrainischen Mittelstreckendrohnen zerlegt wurde. Als einzige Verbindung bleibt nun noch die 19 Kilometer lange Kertsch-Brücke, die jedoch aufgrund mehrerer früherer Angriffe nur eingeschränkt nutzbar ist.

Die Krim ist damit weitgehend isoliert. Die Urlaubssommersaison auf der bei Russen so beliebten Halbinsel am Schwarzen Meer muss ausfallen. Touristen können zwar anreisen, aufgrund geschlossener Tankstellen aber nicht mehr nach Russland zurückkehren. Selbst die Zugverbindungen funktionieren nicht mehr.

Die Versorgung der Zivilbevölkerung und des russischen Militärs ist mittelfristig gefährdet. Ohne Treibstoff laufen keine Stromgeneratoren mehr und auch die Pumpen für die Wasserzufuhr fallen aus.

Die Armee kann über kurz oder lang nicht einmal mehr Akkus laden, geschweige denn mechanisierte Angriffe durchführen. Ein Ende dieser Misere ist nicht in Sicht, da die ukrainischen Drohnenattacken auf den russischen Nachschub unvermindert weitergehen.

Für den Kreml bahnt sich ein Super-GAU an

Zudem werden weiter systematisch Treibstoffdepots, Militäranlagen und Industriebetriebe auf der Halbinsel attackiert. Bisher konnte die russische Armeeführung keine nennenswerten Gegenmaßnahmen ergreifen. Sollte es dabei bleiben, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis die Krim nicht mehr zu halten ist. Russland müsste seine Truppen ohne ausreichend Treibstoff, Munition und Verpflegung notgedrungen abziehen.

Für den Kreml käme der Verlust der seit 2014 besetzten Halbinsel einem Super-GAU gleich, der ihn bei möglichen Friedensverhandlungen in eine schwierige Position brächte.

Kiews Vorgehen erinnert an die Strategie, mit der die Stadt Cherson im November 2022 befreit werden konnte. Damals mussten die russischen Truppen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus der besetzten Stadt verschwinden, nachdem alle Zufahrtswege bombardiert worden waren und der Nachschub über den Fluss Dnipro nicht mehr zu verantworten war.

Ein vergleichbares Szenario scheint Kiew nun erneut zu planen. „Die Krim wird zu einer Insel werden“, sagte zuletzt Serhij Sternenko, Berater des ukrainischen Verteidigungsministeriums. Und prophezeite: „Das wird der härteste Sommer für unseren Feind.“

Zugleich forderte er die Bewohner in den besetzten Gebieten der Regionen Saporischschja, Cherson und Donezk auf, diese nach Möglichkeit zu verlassen. Denn die russischen Streitkräfte würden auch dort bald ernsthafte logistische Probleme bekommen.

Tatsächlich unterbinden ukrainische Kamikazeangriffe nicht allein den Zugang zur Halbinsel Krim, sondern auch die Zulieferungen an die russischen Truppen in den gesamten besetzten Gebieten. Ziel scheint es zu sein, die Besatzer nachhaltig von allen Ressourcen abzuschneiden.

Bis es aber tatsächlich so weit ist, könnten noch einige Monate vergehen. Gleichzeitig ist die Lage an anderen Teilen der Front aus ukrainischer Sicht angespannt. Etwa der Abschnitt bei Kostjantyniwka, einer der vier Städte des Festungsgürtels im Donbass in der Ostukraine. Dort mussten sich die ukrainischen Streitkräfte jüngst aus den westlichen Vororten zurückziehen.

Ein Rückzug, der nicht nach dem Geschmack des ukrainischen Oberbefehlshabers Oleksandr Syrskyi war. Jedenfalls entließ er die dafür verantwortlichen Kommandeure der 28. und der 156. mechanisierten Brigade.

Russland soll nun etwa 40 Prozent von Kostjantyniwka kontrollieren, ausgerechnet der Stadt, die zentral für die Verteidigung des Donbass ist und die Putin deshalb mit allen Mitteln erobern will. Für die Ukraine beginnt nun ein Rennen gegen die Zeit.

Alfred Hackensberger berichtet seit 2009 im Auftrag von WELT aus Kriegs- und Krisengebieten, aus Ländern im Nahen und Mittleren Osten wie auch aus der Ukraine.

Quelle: DIE WELT